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Wirtschaft

Umdenken gefragt

Wirtschaftsstandort Deutschland – Innovationsstandort Deutschland?

Knapp eine Woche ist es her, dass die Bundesregierung einen drei-milliarden-schweren
Innovationsplan vorgelegt hat, der Deutschland und Europa, so heißt es in einem Paper, „zum
führenden KI-Standort machen und so zur Sicherung der künftigen Wettbewerbsfähigkeit
Deutschlands beitragen“ soll. Das Paket reiht sich ein in weiterhin anhaltende, hohe Investitionen
in Standortbedingungen: Fast 3% seines Bruttoinlandsproduktes gibt Deutschland für Forschung
und Entwicklung aus (siehe BuFI 1). Und tatsächlich sieht die OECD Deutschlands breite
Grundlagenforschung als einen Grund für den anhaltenden Wohlstand.
Diese Zahlen klingen zunächst sehr optimistisch, relativieren sich aber recht schnell, wenn man
die Bemühungen mit den milliardenschweren Investitionen in den USA oder China vergleicht, die
bereits seit mehreren Jahren getätigt werden. So hat Shanghai beispielsweise kürzlich
angekündigt 15 Milliarden Dollar in Künstliche Intelligenz zu investieren, unter anderem in den
Aufbau einer komplett digitalisierten „Smart City“.
Es stellt sich für Deutschland also im Grunde nicht die Frage, ob, sondern wie es seine
Wettbewerbsfähigkeit sichern will. Wie muss Deutschland seine Investitionen gestalten, um auch
in Zukunft mit dem Silicon Valley und Co. mitzuhalten?
Diese Fragen lassen sich unmöglich nur auf nationaler Ebene beantworten. Deutschland kann nur
mit ganz Europa konkurrenzfähig bleiben, allein um eine ausreichend große Datenmenge zur
Verfügung zu haben. Dazu muss man sich ebenfalls die Struktur der deutschen Wirtschaft vor
Augen führen: Während Innovationen in den USA durch Big Player wie etwa Google getrieben
sind und in China die staatlich finanzierte Forschung eine große Rolle spielt, ist Deutschland eine
Wirtschaft der kleinen und mittelständischen Unternehmen, die ihren Platz im KI-Zeitalter noch
nicht gewählt hat. Wie werden sich Deutschland und Europa hier positionieren? Wie plant
Deutschland diesen neuen Wirtschaftszweig rechtlich und institutionell auszugestalten?
Ein weiteres Problem ist, dass besagte kleine und mittelständische Unternehmen neue
Technologien derweil nur langsam adaptieren. Besonders in der Industrieforschung befindet sich
Deutschland mit den USA und China zwar auf Augenhöhe, aber immer weniger Unternehmen
beteiligen sich laut Bundesministerium für Bildung und Forschung am Innovationsgeschehen. Das
BMBF äußert seine Bemühungen momentan zum Beispiel mit einem „Zehn-Punkte-Plan“ – doch
genügt das? Wie schnell kommen Innovationen in der deutschen Wirtschaft an?
Nicht zuletzt hat Europa auch Sorge zu tragen, dass die Innovationstreiber nicht abwandern. Nicht
selten werden Wissenschaftler durch amerikanische Unternehmen abgeworben. Geplant sei
hierzu beispielsweise ein deutsch-französisches Innovationsnetzwerk und die Schaffung neuer
Professuren für Künstliche Intelligenz. Ob diese Bemühungen ausreichen, wird sich zeigen.
Dass Deutschland hier nun einen großen Schritt nach vorne gewagt hat, ist gut und richtig.
Allerdings gilt noch viel Gestaltungsraum zu füllen ohne von der Konkurrenz abgehängt zu werden.